CO₂ im Klassenzimmer: Richtwerte, Messung und wirksame Maßnahmen

Wenn ein Raum am Vormittag „kippt“, passiert das selten abrupt. Die Stimmen werden etwas lauter, die Aufmerksamkeit springt, und irgendwann wirkt die Luft schwer. Gleichzeitig bleiben Fenster oft zu: wegen Kälte, Straßenlärm oder weil im Alltag nicht jede Pause fürs konsequente Lüften reicht.
Genau hier liegt die typische Spannung im Schulbetrieb: Gesundheit und Leistungsfähigkeit sollen gesichert werden, während Energieverbrauch, Betriebssicherheit, Akustik und rechtliche Nachvollziehbarkeit ebenso mitentscheiden. Damit aus Eindrücken belastbare Entscheidungen werden, braucht es einen Indikator, der sich im Alltag einfach erfassen und dokumentieren lässt.
Warum CO₂ im Klassenzimmer ein wichtiger Indikator für Raumluftqualität ist
CO₂ ist kein „Gift“ im üblichen Sinn, aber ein verlässlicher Hinweis darauf, wie gut der Luftaustausch im Raum funktioniert. Steigt CO₂ schnell an, fehlt Frischluft. In der Praxis zeigen sich dann oft typische Begleiterscheinungen: Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsabfall und das diffuse Gefühl „verbrauchter“ Luft.
Im Klassenzimmer ist CO₂ besonders aussagekräftig, weil viele Personen über längere Zeit auf relativ kleiner Fläche zusammenkommen. Als Leitindikator hilft CO₂ dabei, Raumluftqualität nicht nur zu „fühlen“, sondern sichtbar zu machen. Das ist gerade dann entscheidend, wenn Maßnahmen begründet, priorisiert und später auch überprüft werden sollen.
Ein gutes Raumklima im Schulbetrieb wird jedoch von weit mehr beeinflusst als nur vom CO₂. Dazu zählen auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit sowie mögliche Belastungen durch Emissionen aus Materialien und Reinigungsmitteln. Als praxistaugliche Zielbereiche gelten häufig 19-23 °C und 40-60 % relative Luftfeuchtigkeit. Zu trockene Luft reizt Schleimhäute, zu hohe Feuchte erhöht das Risiko für Feuchteschäden und Schimmel; 60 % relative Luftfeuchtigkeit ist dabei nicht automatisch „zu hoch“, kritisch wird es vor allem bei dauerhaft hohen Werten oder wenn kalte Oberflächen Kondensation begünstigen. Aus dieser Gesamtsicht lässt sich ableiten, warum klare Richtwerte im Betrieb so hilfreich sind.
Richtwerte und eine praxistaugliche Entscheidungslogik für den Betrieb
Im Alltag funktioniert eine CO₂-„Ampel“ oft besser als eine abstrakte Grenzwertdiskussion, weil sie Beobachtung und Handeln direkt verknüpft. Die Logik dahinter ist einfach: Schwellenwerte machen sichtbar, ob der Luftwechsel über die Unterrichtszeit hinweg ausreichend ist. Gleichzeitig entsteht eine Dokumentation, die Entscheidungen nachvollziehbar macht.
Zielbereich: bis 1.000 ppm: Der Unterrichtsbetrieb ist stabil. Ziel ist es, den Luftwechsel so zu steuern, dass die CO₂‑Werte während der Unterrichtszeit überwiegend in diesem Bereich bleiben.
Warnbereich: 1.000-1.500 ppm: Hier lohnt sich ein prüfender Blick auf das Zusammenspiel aus Belegung, Lüftungszeiten und Fensterstrategie. In der Praxis geht es häufig darum, Abläufe zu schärfen oder eine sensorbasierte Steuerung so nachzujustieren, dass sie besser zum Tagesverlauf passt.
Handlungsbereich: über 1.500 ppm: Dann sollten umgehend wirksame Maßnahmen ausgelöst werden (Querlüften, Raumbelegung entzerren). Parallel braucht es eine saubere Ursachenklärung über eine Messkampagne, damit langfristig ein belastbares Lüftungskonzept umgesetzt werden kann.
Die häufigste Frage taucht dabei zuverlässig auf: „Reicht es nicht aus, in den Pausen stoßzulüften, oder müssen wir wirklich teure Lüftungsanlagen für zehntausende Euro nachrüsten?“ Manuelles Stoßlüften kann in einzelnen Situationen helfen, ist in modernen, thermisch sanierten und damit luftdichten Gebäuden aber oft physikalisch nicht ausreichend, um den CO₂-Gehalt über den gesamten Unterricht konstant unter 1.000 ppm zu halten. Zusätzlich führt häufiges Stoßlüften im Winter zu spürbaren Energieverlusten und im Sommer zur Überhitzung. Die ÖNORM H 6038 ermöglicht mit mechanischer Lüftung einen kontrollierten Luftwechsel und stellt sicher, dass Frischluft planbar und mit Wärmerückgewinnung bereitgestellt wird – ohne den Heizbetrieb unnötig zu belasten.
Passend dazu ergänzt die DIN EN 16798‑1 (bzw. deren nationale Anwendung):
Sie definiert Anforderungen an die Lüftungsqualität in Aufenthaltsräumen – auch in Schulen – und sieht für schadstoffarme Gebäude üblicherweise Kategorie II vor. Diese entspricht einer „normalen“ Innenraumluftqualität, woraus sich CO₂‑Zielbereiche unterhalb von ca. 1.000–1.200 ppm ableiten lassen. Werte im Bereich 1.400–1.500 ppm und darüber gelten als klar verschlechterte Luftqualität und zeigen, dass freie Lüftung allein nicht mehr ausreicht.
Für rechtssichere Entscheidungen ist diese Logik zentral: Messwerte, Schwellen und ausgelöste Maßnahmen müssen nachvollziehbar zusammenpassen.
Messen statt raten: CO₂-Messung, Monitoring und Dokumentation im Schulalltag
CO₂-Daten sind nur dann belastbar, wenn Sensorik und Messroutine stimmen. Für Innenräume sind NDIR-Sensoren (nichtdispersive Infrarotmessung) gängiger Standard, weil sie CO₂ direkt erfassen und für kontinuierliches Monitoring geeignet sind. Entscheidend ist wenigerdas einzelne Gerät, sondern ein Messaufbau, der reale Nutzung abbildet.
In der Praxis bewährt sich eine Platzierung in der Atemzone: nicht am Boden, nicht direkt an Fenstern, Türen, Heizkörpern oder Luftauslässen. Ebenso wichtig ist das Zeitfenster. Ideal ist eine Messung über mehrere Schultage, weil Stundenplan, Wetter und Belegung deutlich variieren.
Damit aus Messwerten eine Entscheidungsgrundlage wird, braucht es sauberes Logging mit Zeitstempel und Verlauf, nicht nur Momentwerte. Denn entscheidend ist nicht nur der Spitzenwert, sondern vor allem der Zeitanteil, den ein Raum oberhalb definierter Schwellenwerte verbringt. Erst aus dieser Kombination entstehen belastbare Kennzahlen wie Zeitanteile über Schwellen, Peaks und Erholungszeiten nach Lüftungsereignissen. Damit Messungen über Monate vergleichbar bleiben, gehört eine einfache Kalibrier- und Wartungsroutine dazu: regelmäßige Plausibilitätschecks, dokumentierte Batteriestände oder Stromversorgung, Reinigung und Schutz vor Manipulation sowie je nach Gerät eine periodische CO₂-Kalibrierung beziehungsweise Verifikation. Ein Muster-Messprotokoll als Konzept sollte mindestens enthalten: Raum-ID, Datum/Uhrzeit, Belegung, Fenster-/Türzustand, Lüftungsereignisse, CO₂-Min/Max/Mittel, Zeitanteil >1.000 ppm und >1.500 ppm sowie parallel Temperatur und relative Luftfeuchte. So entsteht eine belastbare Basis für Ausschreibungsunterlagen, Erfolgskontrolle nach Umsetzung und Reporting an Träger/Behörden.
Maßnahmen im Vergleich: Fensterlüftung, mechanische Lüftung und Luftreiniger richtig einordnen
Maßnahmen werden im Alltag oft vermischt, obwohl sie technisch unterschiedliche Probleme lösen. CO₂ wird nur durch Luftwechsel gesenkt: Frischluft hinein, verbrauchte Luft hinaus. Luftreiniger können Aerosole und Partikel reduzieren, ändern aber den CO₂-Gehalt nicht.
Fensterlüftung ist sofort verfügbar, bleibt aber stark abhängig von Disziplin, Wetter, Lärm und Sicherheit. Im Winter sind Energieverluste häufig spürbar, im Sommer kann warme Außenluft Überhitzung zusätzlich verstärken. In der Praxis zeigt sich schnell: Die Methode funktioniert nur so gut wie der Tagesablauf sie zulässt.
Mechanische Lüftung (idealerweise mit Wärmerückgewinnung, bedarfsgesteuert) schafft einen kontrollierten Luftwechsel und damit einen planbaren Betrieb über den ganzen Vormittag. Investition und Planung sind höher, dafür müssen Komfort und Energieeffizienz weniger gegeneinander ausgespielt werden. Luftreiniger sind als Ergänzung in speziellen Situationen sinnvoll (z. B. Partikelbelastung), aber nicht als CO₂-Lösung; laufende Filterkosten, Wechselintervalle und Wartungsorganisation gehören dabei zur realistischen Betrachtung.
Typische Fehlentscheidungen zeigen sich immer wieder: die „Insellösung“ ohne Wartungsplan, bei der mobile Luftreiniger als „Pflaster“ beschafft werden. Der Effekt: Partikel werden gefiltert, CO₂ bleibt hoch, und über Filterwechsel entstehen hohe Folgekosten. Ebenso häufig wird die Nachtauskühlung unterschätzt: Eine intelligente, sensorbasierte Lüftungssteuerung kann in österreichischen Sommern kühle Nachtluft nutzen, um Räume vorzubereiten, statt am Vormittag gegen Überhitzung anzukämpfen. Systemdenken heißt hier, Maßnahme und Gebäude konsequent zusammenzudenken, bevor auf einzelne Geräte gesetzt wird.

Von der Problemfeststellung zur Umsetzung: Roadmap, Akustik und Nutzerakzeptanz
Damit aus Messwerten wirksame Praxis wird, braucht es einen Projektpfad, der Betrieb, Vergabe und spätere Wartung mitdenkt. Eine praxistaugliche Roadmap im österreichischen Kontext umfasst typischerweise: Erstbegehung/Inspektion, eine Messkampagne (CO₂, Temperatur, Feuchte), ein Lüftungs- und Betriebskonzept als Entscheidungsgrundlage (als Orientierung können Anforderungen der Bundesimmobiliengesellschaft sowie Landesförderrichtlinien dienen), danach Ausschreibung, Inbetriebnahme und Einregulierung, gefolgt von Monitoring und einem verbindlichen Wartungsplan. Der nächste logische Schritt ist dabei fast immer, den Ist-Zustand objektiv zu erfassen, bevor Budgets in eine Richtung festgelegt werden.
Ein oft unterschätztes Abnahmerisiko ist Lärm/Akustik. Zu laute Anlagen werden im Unterricht abgeschaltet, und dann verliert das Konzept im Alltag seine Wirkung. Typische Planungsfehler sind eine unpassende Geräte- oder Einbauauswahl, ungünstige Luftführung oder fehlende Abstimmung der Betriebsstufen auf den Unterrichtsbetrieb.
Eine kurze Vergabe- und Prüflogik kann hier viel verhindern: (1) Schallkriterien als Muss-Anforderung definieren, (2) Betriebsmodi für Unterricht/Pausen/Nacht festlegen, (3) Abnahme mit Mess- und Protokollpflicht (inkl. CO₂-Zielerreichung) vereinbaren, (4) Zuständigkeiten für Filter und Wartung klar zuweisen. Was diese Kombination aus Daten, Konzept und Nutzerakzeptanz bewirken kann, zeigt ein Beispiel aus der Praxis: In einer Volksschule in Niederösterreich sank nach der Installation einer bedarfsgesteuerten CO₂-Lüftung der Krankenstand der Lehrkräfte im ersten Winter um 25%, während die Heizkosten trotz erhöhter Frischluftzufuhr stabil blieben. Die Schulleitung berichtete zudem von einer messbar höheren Konzentrationsspanne der Kinder in den Randstunden am Vormittag.
Nächster Schritt: vom CO₂-Wert zur belastbaren Entscheidung
CO₂-Daten schaffen Transparenz, klare Richtwerte plus Messroutine machen Maßnahmen vergleichbar, und eine Roadmap reduziert Investitions- und Betriebsrisiken – inklusive Akustik und Wartung als Alltagsthemen. Wenn der Ist-Zustand sauber erhoben ist, lassen sich organisatorische Sofortmaßnahmen, sensorbasierte Optimierung und langfristige Lüftungskonzepte nachvollziehbar gegeneinander abwägen und dokumentieren. Kontaktaufnahmen für eine Inspektion vor Ort.
Warum ist CO₂ im Klassenzimmer überhaupt relevant?
CO₂ ist kein „Gift“, aber ein sehr verlässlicher Indikator für fehlenden Luftaustausch. Wenn der CO₂-Wert schnell steigt, fehlt Frischluft – häufig begleitet von Müdigkeit, Kopfschmerzen und sinkender Konzentration.
Welche CO₂-Richtwerte sind im Schulalltag praxistauglich?
Bewährt hat sich eine Ampellogik:
- Zielbereich: bis 1.000 ppm (Unterricht stabil)
- Warnbereich: 1.000–1.500 ppm (Abläufe/Lüftungsstrategie prüfen)
- Handlungsbereich: über 1.500 ppm (sofort reagieren + Ursachenklärung starten)
Reicht Stoßlüften in den Pausen nicht aus?
Stoßlüften kann helfen, ist aber in dichten, thermisch sanierten Gebäuden oft nicht ausreichend, um CO₂ über den ganzen Vormittag stabil niedrig zu halten. Zusätzlich entstehen im Winter Energieverluste und im Sommer steigt das Risiko für Überhitzung.
Senken Luftreiniger den CO₂-Wert?
Nein. CO₂ sinkt nur durch Luftwechsel (Frischluft rein, verbrauchte Luft raus). Luftreiniger können Aerosole/Partikel reduzieren, lösen aber kein CO₂-Problem.
Was sind sinnvolle Zielbereiche für Temperatur und Luftfeuchte in Klassen?
Als praxistaugliche Bereiche gelten oft:
- Temperatur: ca. 19–23 °C
- Relative Luftfeuchte: ca. 40–60 %
Zu trockene Luft reizt Schleimhäute. Kritisch wird hohe Feuchte vor allem bei dauerhaft hohen Werten oder wenn Kondensation an kalten Oberflächen entsteht.
Was sind typische Fehlentscheidungen in der Praxis?
Häufig:
- mobile Luftreiniger als Insellösung ohne Wartungsplan (CO₂ bleibt hoch, Folgekosten steigen)
- Akustik unterschätzen: zu laute Anlagen werden im Unterricht abgeschaltet
- fehlende klare Zuständigkeiten für Filter/Wartung
Wie sieht eine praxistaugliche Roadmap zur Umsetzung aus?
Typisch:
- Erstbegehung/Inspektion
- Messkampagne (CO₂, Temperatur, Feuchte)
- Lüftungs- und Betriebskonzept
- Ausschreibung
- Inbetriebnahme & Einregulierung
- Monitoring & Wartungsplan











